10 Thesen zur Einführung von Civic Education an Schulen

„Civic Education ist die Schule von Morgen!“

(Michael Stanzer)

Schule als demokratischer Ort und partnerschaftlich orientiertes Lernzentrum im Gemeinwesen

10 Thesen zu bürgergesellschaftlichen Entwicklungspotenzialen von (Ganztags-) Schulen

Von Birger Hartnuß und Dr. Stephan Maykus

1. Bürgerschaftliches Engagement ist ein Bildungsfaktor!

Fähigkeiten zur demokratischen Teilhabe und die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme bilden die Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der demokratischen Gesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es gilt, die Diskussion über diese Zusammenhänge und Potenziale in die aktuelle Bildungs-debatte einzubringen und in den anstehenden Reformprozessen zu verankern.

2. Das Lernen von „Bürgerschaftlichkeit“ muss frühzeitig ermöglicht werden!

Bürgerschaftliche Verhaltensdispositionen werden in Kindheit und früher Jugend geprägt. Frühzeitige Engagement- und Demokratieförderung ist daher eine Aufgabe sowohl von Familie als auch der pädagogischen Institutionen. Dabei kommt der Schule als pädagogischem Ort, der tendenziell alle Kinder und Jugendlichen erreicht, eine herausragende Bedeutung zu. Die Entwicklung sozialer Kompetenzen und die Ausprägung von Gemeinsinn sind jedoch bislang erst ansatzweise in den Kernbereichen des schulischen Auftrags verankert.

3. „Civic education“ muss selbstverständlicher Teil des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags werden!

Ein modernes Bildungsverständnis im Bereich der Schule muss heute darauf abzielen, dass nicht nur kognitives Wissen, sondern auch soziales Lernen und Kompetenzen wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit, Empathie und soziales Verantwortungsbewusstsein vermittelt werden. Die Schule muss daher Lern- und Erfahrungsräume zur Verfügung stellen, die die Herausbildung von Engagement-bereitschaft und -motivation sowie demokratischer und zivilgesellschaftlicher Handlungsorientierungen junger Menschen fördern. Sie steht vor der Herausforderung, „civic education“ als selbstverständlichen und gleichberechtigten Teil in ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag zu integrieren.

4. Bildung braucht Kooperation, Vernetzung, sozialpädagogische und bürgerschaftliche Perspektiven!

Einem umfassenden Bildungsanspruch kann Schule allein nicht gerecht werden. Es ist vielmehr geboten, schulische und außerschulische Bildungspotenziale bei der Gestaltung von Bildungsprozessen neu aufeinander zu beziehen. Ein umfassendes Lern- und Bildungskonzept geht von einem engen Zusammenspiel der unterschiedlichen Bildungsinstitutionen, Bildungsorte, Bildungsaufgaben und Bil-dungsprozesse aus und bringt sie in ein neues Verhältnis, das Kindern und Jugendlichen optimale Bildungs- und Teilhabechancen bietet, sie auf die Bewältigung des Alltags und der Zukunft vorbereitet und für eine gelingende Lebensführung rüstet. Dies bedeutet, das Zusammenspiel von Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie vielfältiger weiterer gesellschaftlicher Akteure und Bildungsgelegenheiten neu zu gestalten. Dabei geht es auch um eine sozialpädagogische Erweiterung des Bildungsverständnisses. Bildung zielt auf die Entwicklung allgemeiner Lebensführungs- und Bewältigungskompetenz. Ein Bildungskonzept, das dieser weiten Zielperspektive verpflichtet ist, umfasst gleichauf mit Aufgaben der kulturellen und materiellen Reproduktion auch Aspekte der sozialen Integration und des sozialen Lernens.

5. Es gilt, die „Lagerfeuer“ unterschiedlicher Fachdiskurse zusammen zu bringen und synergetisch miteinander zu verknüpfen!

Die Diskussionen um Partizipation, Engagementförderung, ein umfassendes Bildungsverständnis und Ganztagsschule als kooperativ gestalteter Lern- und Lebensraum werden gegenwärtig nahezu als parallele Entwicklungen betrachtet, obgleich sie unmittelbare konzeptionelle Verknüpfungsmöglichkeiten bieten, die für eine innovative Gestaltung von Bildungsbedingungen junger Menschen zu-künftig stärker zu betonen und in ihren Koppelungschancen zu nutzen sind. Ihre enge Verknüpfung, die sich in einem bürgerschaftlich orientierten Leitbild von (Ganztags-) Schule ausdrücken könnte, würde den Erfolg der einzelnen Debatten in ihrer Intensität, Konsequenz und praktischen Implementierung deutlich steigern.

6. Ganztagsschule eröffnet indirekte und direkte Potenziale der Förderung von Partizipation und Bürgerengagement!

Die Diskussion um den Ausbau und die Weiterentwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland ist begleitet von erheblichen gesellschaftlichen Erwartungen. Auch hinsichtlich der Förderung von Partizipation und bürgerschaftlichem Engagement bestehen berechtigte Hoffnungen. Die Ganztagsschule bietet dafür einen indirekten und direkten Ermöglichungsrahmen. Zu den indirekten Ermöglichungsfaktoren zählen insbesondere erweiterte Raum- und Zeitkonzepte, ein integratives, kooperationsoffenes Leitbild sowie eine ganzheitliche, lebensweltorientierte Gestaltungsperspektive der Ganztagsschule. Direkte Chancen für Engagement- und Partizipationsförderung liegen in der Innovation der Lehr- und Lernkultur, in konkreten Konzepten der „civic education“ und „community education“ sowie der äußeren Öffnung der Ganztagsschule für Kooperationen und Partnerschaften mit der Jugendhilfe und vielfältigen anderen Akteuren der Bürgergesellschaft.

7. Ganztagsschule bietet Chancen für Partizipation und Bürgerengagement – die Förderung von Partizipation und Bürgerengagement bietet Chancen für die Gestaltung von Ganztagsschulen. Bestehende Potenziale müssen jedoch aktiv ausgeschöpft werden! Ihre Entfaltungsmöglichkeiten steigen mit dem Grad der Integriertheit von „civic education“ in den schulischen Konzepten.

Chancen und Spielräume der Partizipations- und Engagementförderung in und durch Ganztagsschule entfalten sich nicht automatisch. Notwendig ist ihre konzeptionelle Herausstellung und die operative Umsetzung bestehender Potenziale in konkreten Konzepten und Projekten. Dafür gibt es keine Standardvorlagen. Die Analyse der jeweiligen Bedingungen und Besonderheiten der Einzelschule ist Ausgangspunkt für die Entwicklung altersgerechter Lern- und Erprobungssituationen mit Ernstcharakter. Chancen der Partizipations- und Engagementförderung steigen mit dem Organisationsgrad des Ganztagsschulbetriebs. Als entscheidend – und die organisatorischen Grenzen tendenziell kompensierend – erweist sich der erreichte Grad an Integriertheit von Konzepten der Partizipations- und Enga-gementförderung („civic education“) in der Schule.

8. Die konzeptionelle Verankerung demokratischer und bürgerschaftlicher Prinzipien im pädagogischen Selbstverständnis der Schule, in ihrem Leitbild, ggf. ihrem Schulprogramm, ist der entscheidende Schlüssel für den Erfolg der Förderung von Partizipation und Bürgerengagement!

Konzepte der Partizipations- und Engagementförderung in und durch (Ganztags-) Schule entfalten ihre Potenziale umso intensiver, als sie und die mit ihnen verbundenen bürgerschaftlichen Intentionen selbstverständlicher Teil der Schulkultur, des schulischen Selbstverständnisses, der Schulphilosophie sind. Die Verankerung bürgerschaftlichen Engagements im schulischen Leitbild drückt sich darin aus, dass das Bildungsziel des ‚kompetenten Bürgers’, also Fähigkeiten zur Kooperation mit anderen für ein gemeinsames Anliegen und die Vertrautheit mit demokratischen Regeln, Verfahren und Institutionen, in den pädagogischen Konzepten aufgewertet werden und gleichauf mit kognitiven Dimensionen des Lernens Beachtung erfahren. Dieser Anspruch muss als Prinzip im Schulalltag spür- und erfahrbar sein und sich als Element der Schulkultur entfalten. Es geht damit letztlich um eine nachhaltige Einbindung von „civic education“ in den Bildungsauftrag der Schule.

9. Die Förderung von Partizipation und Bürgerengagement geht mit einer Öffnung der Schule hin zum Gemeinwesen einher! Ein bürgergesellschaftliches Leitbild von Schule bietet dafür einen adäquaten Orientierungsrahmen. Einem solchen Leitbild liegt ein Selbstverständnis von Schule als demokratischem Ort und partnerschaftlich orientiertem Lernzentrum im Gemeinwesen zugrunde.

Ein bürgergesellschaftliches Leitbild von Schule zeichnet sich durch eine enge Verknüpfung von Strategien der inneren und äußeren Öffnung von Schule aus. Wege der inneren Öffnung zielen darauf ab, durch neue Formen des Unterrichtens und Lernens Prinzipien wie Handlungsorientierung, eigenständiges und ver-ständnisintensives Lernen zu stärken und dabei Erfahrungen der demokratischen Mitbestimmung und der Verantwortungsübernahme in realen Handlungs- und Entscheidungssituationen zu ermöglichen. Gleichzeitig geht es um die demokratische Gestaltung des Schulalltags insgesamt, bspw. durch die Aufwertung der Rolle von Schüler- und Elternvertretungen, die Stärkung von Begegnungs- und Ko-operationsformen und ein gemeinsames Engagement von Schülern, Lehrern und Eltern.

Strategien der äußeren Öffnung zielen auf die Einbettung der Schulen in das umliegende Gemeinwesen, ihre Integration in die lokale Bürgergesellschaft. Durch die enge Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und auch Wirtschaftsunternehmen können schuluntypische Sichtweisen in Prozesse des schulischen Lernens und Lebens einbezogen werden. Dadurch erfährt Schule eine lebensweltliche Öffnung und Bereicherung. Sie kann dadurch gleichzeitig für Aktivitäten und gemeinschaftliches Leben der Gemeinde aufgeschlossen werden und sich zu einem Zentrum des Gemeinwesens entwickeln. In diesem Zusammenhang geht es auch um den Aufbau vielfältiger Partnerschaften und Bündnisse, die Brücken zwischen Schule und lokaler Bürgergesellschaft bauen, zusätzliche Kompetenzen und Ressourcen erschließen und neue Formen der Zusammenarbeit zu gegenseitigem Vorteil ermöglichen. Kern eines bürgerschaftlich orientierten Leitbildes von Schule ist somit ein Selbstverständnis von Schule als demokratischem Ort und partnerschaftlich orientiertem Lernzentrum im Gemeinwesen. Ein solches Leitbild eröffnet insbesondere der Ganztagsschule weit reichende Gestaltungsoptionen.

10. Es gilt, die Förderung von Partizipation und Bürgerengagement als Gestaltungsziel an sämtlichen Schulen, in allen Schulformen zu etablieren!

Partizipation und bürgerschaftliches Engagement sind sowohl in ihren pädagogischen Potenzialen für die Gestaltung von Schule und Lernen als auch in ihrer Bedeutung als Bildungsziel keineswegs auf ganztägige Formen der Schulorganisation beschränkt. Sie können und sollen vielmehr in sämtlichen Schulformen ihren Niederschlag finden. Durch eine Beschränkung auf einzelne Schulformen oder Bildungsgänge würde Partizipation – entgegen der mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Intention – soziale Selektivität sogar verstärken, statt Integration zu fördern. Von daher muss es ein gesellschaftliches Anliegen sein, Teilhabe und Mitbestimmung im gesamten Bildungs- und Schulsystem als pädagogisches Prinzip und Bildungsfaktor zu verankern.

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